Deutschland, wach auf!

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Ich bin keine Pflegekraft. Ich hätte nicht die Kraft dazu. Krankenhäuser machen mir Angst. Hilflose Menschen  machen mir Angst. Meine Eltern sind zu meinem Glück noch sehr fit und die Chancen stehen gut, dass sie es ihren Eltern gleich tun und das lange bleiben. Wir haben gute Chancen lange nichts von dem Pflegenotstand mitzubekommen.

Dennoch zieht mich das nicht aus der Verantwortung. Denn während ich den Luxus habe mein Abitur nachzuholen, gibt es andere die Tag für Tag aufstehen und die Arbeit machen auf die wir alle irgendwann angewiesen sein werden.

Sie sind genauso wichtig, wie Ärzte. Sie haben eine Jahrelange Ausbildung durchlaufen um sich um die zu kümmern, die es nicht mehr selbst schaffen. Die Probleme in der Pflege werden totgeschwiegen. Nur das sie damit nicht verschwinden.

Seelische Belastung

Es gab im Einzelhandel diesen einen Tag, an dem kein Kollege kam und ich den Laden alleine öffnen musste. Ich war nach 1 Stunde rumrennen und alles fertig machen natürlich nur mit einem fertig, mit den Nerven. Dann kamen die Kunden dazu, die wollten abkassiert werden und gleichzeitig sollten die Regale befüllt werden. Der Tag war emotional gelaufen.

Doch diese Erfahrung ist nichts im Vergleich zu dem, was die Pflegenden JEDEN TAG leisten. Zu dem, was man ihnen zumutet. Zu den unmenschlichen Anforderungen, die an diese Mitarbeiter gestellt werden.

Wir reden von Menschen, die eine Fachkraftausbildung haben. Die Jahrelang gelernt haben für den Beruf und mit dem Mindestlohn abgespeist werden. Für Menschen die Teilweise keinerlei Freizeit mehr haben, weil sie immer auf Abruf sind. Es könnte ein Kollege ausfallen und dann müssen sie da sein.

Frei zur Geburt des eigenen Kindes? Nein der Vater ist da ja nicht nötig, der kann sich in der Zeit alleine um 30 Fälle kümmern. Außerdem kann er sich so schon einmal dran gewöhnen auch die folgenden Geburtstage zu verpassen.

Probleme mit dem Vorgesetzten, weil zu viele Handschuhe verbraucht wurden? Ich kenne Mütter die ihre Kinder nur mit Handschuhen gewickelt haben, weil sie keine Scheiße an die Hände bekommen wollten, aber in der Pflege soll man damit möglichst sparsam umgehen?

Solange unsere Krankenhäuser und Altenheime darauf ausgelegt sind Gewinne zu erwirtschaften wird sich an dieser Situation nichts ändern. Solange nicht viel mehr Fachkräfte eingestellt werden, zu fairen Löhnen mit annehmbaren Arbeitszeiten. Solange werden wir weiter zusehen, wie unsere Großeltern alleine Sterben, wie unsere Eltern vor sich hinvegetieren, weil die Menschen die die sich um sie kümmern wollen, leider keine Zeit dafür haben.

Kosten der Heimunterbringung

Eine Heimunterbringung kostet viel Geld. Nehmen wir einmal das Pflegezentrum in dem Dorf in dem ich Wohne.

Das Standartzimmer (Stand 17.03.2017) Kostet insgesamt 2112,70 € und netterweise haben sie diesen Betrag für uns auf ihrer Webseite gleich aufgeschlüsselt:

Die Unterkunft kostet: 282,90 €

Die Verpflegung kostet: 327,60 €

Die Intensivkosten kosten:  401,20 €

Das Pflegeentgelt schlägt mit 1100,90 € zu buche.

Das Pflegeentgelt. Das Geld das in die Pflege investiert wird. 1100 €. Pro Person. Pro Monat. Davon übernimmt die Pflegekasse einen großzügigen Anteil von 125,00 Euro.

Das heißt, dass eure Großmutter, eure Mutter, irgendwann ihr selbst in einem Pflegheim unterkommt werdet ihr im Monat 1987,70 Euro selbst zahlen müssen.

Was passiert, wenn wir den Personalmangel weiter ignorieren?

Für 1987,70 € im Monat könnt ihr erwarten, dass eine unterbesetzte Fachkraft ihren Job so gut wie nur möglich erledigt. Aber diese eine Fachkraft werdet ihr mit 30 – 49 anderen teilen müssen. Ihr werdet warten müssen, geduldig sein. Es wird manchmal dauern, bis ihr auf die Toilette kommt, bis jemand eure Windel wechselt, bis jemand auch nur 1 Minute mit euch redet. Und wenn es soweit ist, dass ihr eure Zeit auf dieser Erde beendet.

Vielleicht habt ihr Glück, vielleicht kann das Pflegepersonal eure Verwandten anrufen, vielleicht bekommt ihr Bescheid, dass es mit eurer Mutter zu Ende geht.

Vielleicht hat sie dafür aber auch keine Zeit. Vielleicht musste sie im nächsten Zimmer in genau diesem Moment eine Windel wechseln und im zweiten Zimmer jemanden Medikamente verabreichen um im dritten Zimmer von ihrem Chef angeschrien zu werden, sie solle doch weniger Handschuhe verwenden.

Und dann, wenn sie es endlich schafft euch anzurufen, dann ist es vielleicht schon zu spät. Vielleicht. Obwohl ihr noch auf Wiedersehn sagen wolltet, seid ihr alleine gestorben. In einem Zimmer, in einem Heim, in dem keiner Zeit für euch hatte, da der Gewinn optimiert werden musste.

Mir persönlich kommt das Wort “Vielleicht” hier viel zu häufig vor. Wie können wir das so hinnehmen? Schluss mit dem Pflegenotstand!

Auf Twitter machen die Pflegenden gerade auf sich aufmerksam.

In den Medien totgeschwiegen twittern sie unter dem Hashtag #twitternwierueddel der den Pflegenden vorwirft, sie seien selbst schuld an der ihrer Lage.  Wie können sie es wagen jemanden zu sagen, dass die Pflege eben nicht der Beruf ist, den sie erlernt hat, sondern nur ein Abarbeiten. Eine Maschinierung des Menschen.

Es wird Zeit dies zu ändern. Es wird Zeit die Pflegeeinrichtungen für die zu optimieren, die sie nutzen und nicht für die, die daran verdienen.  8000 Neue Pflegekräfte sind ein Witz im Vergleich zu dem, was benötigt wird. Lasst nicht zu, dass eure Großeltern und Eltern die letzten Tage nur vor sich hinvegetieren, weil jemand seinen Profit optimieren will. Wehrt euch! Fordert was diesen Menschen zusteht, die Jahrelang gearbeitet haben, die euch ernährt und großgezogen haben. Und vergesst nicht, den Menschen zu danken, die trotz der miesen Umstände ihr Bestes geben um es für alle Erträglicher zu  machen.

Weitere Tweets zu dem Thema findet ihr auf Twitter unter #twitternwierueddel