Free Hugs & Quality Hugs, ein Vergleich.

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Free Hugs & Quality Hugs, ein Vergleich von vor und Nachteilen.

Wer kennt das nicht? Messetag, die Halle ist voll, man ist schon eine Zeit gelaufen und vielleicht etwas verunsichert, da kommt er dir entgegen! Er, der Cosplayer mit der reinen Seele, der mit dem Schild: Free Hugs. Eine Umarmung! Wer braucht die nicht hin und wieder? Oder auch mal öfters, wenn man Zippi und mich so als Durchschnitt nimmt und man sollte uns UNBDINGT als Durchschnitt nehmen, dann bekämen wir nämlich auch ein wenig mehr davon.

Da der Text doch recht lang geworden ist, wird es wohl, sobald die Erkältung abgeklungen ist und ich mich näher mit der Materie beschäftigt habe einen Podcast dazu geben, jetzt beginnen wir aber mit dem Vortrag!

Der Free Hug

Auch arme Maskottchen werden geknuddelt ohne etwas dagegen tun zu können.

Da ist er also, der Cosplayer mit dem mehr oder weniger aufwendig gestalteten Schild, meistens ist es aus Pappe. Man stürmt auf ihn zu, denn das Zeitfenster ist knapp, zu schnell ist er wieder in der Menge verschwunden. Fast verlegen steht man voreinander, eine schnelle Bewegung, kaum berührt man sich, löst man sich wieder und jeder geht seiner Wege. Unkompliziert, schnell, ein wenig dreckig, denn wer IST dieser Mensch überhaupt? Interessiert es mich? Nein, denn es war nur die schnelle Befriedigung eines Bedürfnisses. Es war der schnelle Kick, der nicht lange anhält, aber zum Glück kommt ja auch bald der nächste Cosplayer und der nächste und der nächste. Immer weiter bis man sich an den Ersten schon kaum noch erinnert, oder ist bereits der Letzte vergessen? Kurzes Glück, Sekundenbruchteile der oberflächlichen Zuneigung. Passend für diese so schnell lebende Internetcommunity. Ein Like, ein Retweet, 280 Zeichen, wo man doch so viel mehr bräuchte.

Was sind also Free Hugs? Die schnelle Nummer? Die kurze Ersatzbefriedigung? Erinnert sich der Free Huger in einer Minute noch an mich? Bin ich längst vergessen? Wird er anrufen? …. Streichen wir den letzten Satz.

Die Vorteile des Free Hugs liegen klar auf der Hand. Anonyme, unkomplizierte Nähe. Jederzeit wiederholbar, wenn man den möchte und war es doch nicht so gut geht man diesem Cosplayer eben aus dem Weg. Der Nachteil ist … genau das. Die Dosis der menschlichen Nähe schwächt schnell ab, hinterlässt ein Gefühl der Leere und die Frage. „Was ist aus mir geworden, dass ich anonym, fremde Menschen auf einer der großen Messen knuddle?“

Die Quality Hugs und wie sie sich unterscheiden

Aber es gibt nicht nur Free Hugs, es gibt auch die seltene Gattung der Quality Hugs. Dabei meine ich nicht jene Umarmungen, die auf Bezahlung basieren, sondern viel mehr jene, die aus dem Herzen kommen. Quality Hugs unterteilen sich in drei verschiedene Arten:

Der Begrüßungshug

Der Begrüßungshug drückt vor allem die Freude der reinen Anwesenheit aus.

Da kennt man sich vielleicht aus dem Internet bereits eine Zeit und hier auf der Messe trifft man sich endlich. Vielleicht auch endlich wieder. Man steht voreinander und kann sein Glück kaum fassen: Gleichgesinnte! Liebe Menschen von denen man weiß, dass man Interessen teilt, das man miteinander reden, diskutieren kann und endlich steht man voreinander, nicht mehr auf 280 Zeichen beschränkt. (Gebt zu ihr würdet mir eine RealLife Zeichenbeschränkung durchaus wünschen!)

Fast als wäre es nie anderes gewesen fällt man sich in die Arme. Überzeugt sich davon, dass sein Gegenüber wirklich da ist, real ist. Vielleicht eine gute Freundin, vielleicht jemand, der ein guter Freund werden könnte. Eventuell aber auch einfach nur gleichgesinnte und das Glück trotz Verkehrschaos und Schneestürmen die Messe erreicht zu haben.

Manchmal steht man sich auch etwas schüchtern gegenüber, sieht jemanden von dem  man gar nicht so genau weiß, ob er einen mag und fragt sich. „Bin ich hier genug?“ Diese Begrüßungen zeigen deutlich: JA BIST DU! Du bist genug! Du bist hier auf der Messe mit uns und alles was wir wollen ist, dass du einfach du bist! Kein Druck, keine Angst, sei einfach du!

Das alles kann eine einzige Umarmung aussagen. Hallo! Schön, dass du da bist! Ich freue mich dich zu treffen, dich bei  mir zu haben. Erstaunlicherweise: Diese Art von Umarmungen gehört zur Einsteigerdroge. Ja, man möchte denken, dass man durch die Free Hugs angefixt wird, es ist jedoch das Gegenteil ist der Fall. Wie ein Serienmörder, der immer wieder versucht den Kick seines ersten Mordes zu erfahren ist man ab diesem Moment auf der Suche nach der Nähe, was einen auch erst in die Arme der Free Hugger treibt! Dennoch sind diese Hugs nicht wegzudenken. Nicht  nur für die Allgemeinheit, nein auch für den Einzelnen sind sie wichtig. Denn sie bestätigen einen, sie sagen einem, dass man am richtigen Ort angekommen ist.

Sie sind im Vergleich zu den Free-Hugs nicht nur ergiebiger, sondern auch viel Aufwendiger, immerhin muss man Menschen erst kennenlernen, bevor man sie auf diese Art begrüßt, gar so begrüßen möchte. Die Mischung aus Adrenalin und Endorphine machen diesen Hug zu etwas besonderem.

Wenden wir uns der zweiten Kategorie der Quality-Hugs zu.

Der Zwischendurchhug

Sich einfach einen Moment anlehnen, die Seele baumeln lassen und den Akku wieder auffüllen. Gerade an einem stressigen Messetag!

Für viele ist der Zwischendurch Hug ein Mythos. Man kennt sich, man hat sich begrüßt, jetzt ist aber auch wieder gut.

Aber ist es das wirklich? Ist es nach drei Tagen Messe wirklich „auch wieder gut“, muss der Umarmungshug wirklich für den ganzen Tag reichen? Vielleicht ist man müde, hungrig, durstig oder einfach nur total geflasht von den vielen Eindrücken. Vielleicht ist man nervös weil man jemanden getroffen hat den man schon lange bewundert und dieser einer welche hat sich vielleicht sogar mit einem Unterhalten.

Man kommt zurück in die Geborgenheit der kleinen Gruppe mit der man unterwegs ist und wird dort aufgefangen. Jemand nimmt einen in den Arm und sagt: „Das hast du gut gemacht. Wir sind stolz auf dich, das ist so toll.“ Und in diesem Moment bemerke ich, wie sehr ich auf der Messe versagt habe, als einem wirklich lieben Autor etwas tolles wiederfahren ist und das ist der Moment in dem ich überlege, wie ich es wieder gut machen kann obwohl ich euch doch von der Geborgenheit erzählen wollte, von dem Aufbauen der Kräfte, die ein Zwischendurchhug einem geben kann.

Man kommt zurück in die Gruppe. Körperlich und emotional im Ausnamezustand und da ist jemand, der einen Umarmt. Vielleicht mit, vielleicht ohne Worte. Aber er ist einfach da, eine Schulter an die man sich Anlehnen kann ein Moment der einem sagt: „Ich halte dich. Ich bin für dich da.“ Ein Moment in dem man seine Kräfte wieder auftankt. In dem man sich einfach kurz fallen lassen kann, denn da ist jemand, der einen hält.

Ist die Möglichkeit für Zwischendurchhugs gegeben, die durchaus auch in einer Massenknuddelorgie enden können, ist es einfach auf die Ersatzbefriedigung durch die Free Hugger zu verzichten.  Durch die zwischenmenschliche Bindung kommt man hier an das reine Erlebnis, und auch wenn es nicht immer an den mit zusätzlich Endorphinen versetzten Begrüßhungshug heranreicht vermittelt dieser Hug Geborgenheit und das wissen, dass man willkommen ist.

Der Abschiedshug

Der Abschied liegt schon in der Luft. Er ist unausweichlich und wir nur um wenige Momente hinausgezögert.

Einer der intensivsten Hugs ist in meinen Augen der Abschiedshug.

Er enthält nicht nur den süßen Schmerz, und die Melancholie des Abschieds, sondern er ist gleichzeitig ein geflüstertes Versprechen. Das Versprechen, dass man sich wiedersehen wird, vielleicht an einem anderen Ort, vielleicht zu einer anderen Zeit.

Es stehen sich zwei Menschen gegenüber, leicht bedrückt, denn sie hatten einen schönen Tag, vielleicht sogar mehrere schöne Tage miteinander. Sie haben sich kennen gelernt, vielleicht neu kennen gelernt, vielleicht auch einfach nur die bereits bestehende Bindung vertieft. Sie stehen sich gegenüber, für einen Moment unsicher, was sie sich zu sagen haben. Unsicher, was der andere von einem hält. Mag er mich überhaupt? Bin ich ein nötiges Übel, weil wir nun mal in der gleichen Gruppe unterwegs waren? Ist er mir böse wegen etwas, dass ich gesagt habe weil ich nicht nachgedacht habe? Und da steht man. Und man weiß es wird Wochen, gar Monate dauern, bevor man sich wieder sieht.

Ein Kloß bildet sich im Hals und Reden wird zu einer Unmöglichkeit. Ein Blick, eine Umarmung. Man lehnt sich aneinander, genießt es in den Armen des Gegenübers zu versinken.  Für einige wertvolle Augenblicke zögert man das  unweigerliche noch einmal hinaus. Vielleicht noch ein wenig länger? Man versinkt und versucht den Gedanken zu vertreiben, dass man loslassen muss, dass die Wege nun einmal in verschiedene Richtungen führen werden. Man klammert sich noch einmal an den Moment. Klammert sich an den Menschen, der einem gegenüber steht und versucht dieses Gefühl der Geborgenheit zu halten, komme was wolle.

Löst sich diese Umarmung kehrt man in die Kälte zurück. Nichts was man jetzt sagen könnte klänge nicht hölzern. Nichts klänge nicht abgedroschen. Eigentlich sollte man sich umdrehen und gehen. Wortlos. Doch wir Menschen sind nicht Wortlos und Autoren gleich gar nicht. Wo kämen wir denn da hin, wenn ein Autor nichts zu sagen hätte?

Fazit

Ein Highquality-Umarmungshug ist selten und Herzzerreißend, gerade zum Abschied. Kein Free Hug wird diese Umarmung je ersetzten können.

Wie man deutlich erkennen kann, hat jeder einzelne dieser Hgus eine Daseinsberechtigung. Vielleicht sind sie sogar bitter nötig in dieser schnelllebigen Zeit, in jeder mehr auf sich als auf die anderen Achtet. Eine Zeit in der Erfolg über Empathie steht. Gehen wir also einen Schritt zurück und fangen wir wieder an uns für die Menschen in unserer Umgebung zu interessieren. Das ist übrigens einer der Gründe, warum die Buchmesse uns so gut tut. Dort sind gleichgesinnte, dort sind Leute die genau wissen wie viel Herzblut in jedem Projekt steckt, die  mit dir mitfiebern, dich anfeuern, dir Mut zusprechen. Ich würde mir das auch im Alltag mehr wünschen.

Die Zeit auf der Messe ist immer sehr schnell vorbei uns vollgestopft mit lauter Ereignissen, in einer Community die so toll ist, wie jene, die ich erleben durfte ist es durchaus drin, sich mal in den Arm nehmen zu lassen.

 

3 replies to Free Hugs & Quality Hugs, ein Vergleich.

  1. NU ABER! 😀 Diese Box ist ja echt zum Haare raufen – machen deswegen bislang noch einen Bogen drum *lach (noch ist ja nicht Mai, hihi)

    Hach, hab gar nicht so viel zu sagen, nur das ich deinen Beitrag sooo so gern gelesen habe! Wirklich toll geschrieben!

    Ein Hug ist immer gut – aber immer die Frage von wem sie kommt!

    • Hallo Janna!

      Ich hatte eigentlich das Plugin für die Box auch deaktiviert … bis Mai aber irgendwie hat der Blog das nicht so ganz hinbekommen. Daher musste ich Jetpack früher abschalten als mir lieb war. Gerade weil die ja an einer Lösung arbeiten und ich hoffe, es weiter nutzen zu können.

      Schön, dass dir der Beitrag gefallen hat. 🙂 Er hat auch beim schreiben unglaublich viel Spaß gemacht!

      Alles liebe
      Kani

      • Ich würd den ganzen Mist ja am liebsten aussitzen, aber ab Mai muss ja was gemacht werden … -.- darauf erstmal `n Hug!

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